Gedenken an zwei Professoren, die die Politikwissenschaft in Kiel stark mitgeprägt haben

29.06.2020

Am 30. Juni 2020 wäre Professor Edward Keynes, PhD, 80 Jahre alt geworden. Edward Keynes hat zwischen 1998 und seinem Tod im April 2016 Großes für die Politikwissenschaft an der Universität Kiel geleistet, obwohl er nie an diese Universität berufen worden war, sondern lediglich als Honorarprofessor tätig war.

Edward Keynes wurde 1940 in New York als zweiter Sohn einer jüdischen Immigrantenfamilie geboren, die aus Moldawien stammte. Seinen ursprünglichen Familiennamen Krasnansky legte er ab, um seine Verbundenheit mit seinem Heimatland und der angelsächsischen Zivilisation zum Ausdruck zu bringen. Er besuchte die Forest Hills High School im New Yorker Stadtteil Queens, unter seinen Klassenkameraden waren Paul Simon und Art Garfunkel. Er studierte am Queens College in New York (B.A.) und an der University of Wisconsin, an der er 1967 auch promovierte. Von 1976 bis 2003 war er hauptamtlicher Professor für Politikwissenschaft an der Penn State University. Edward Keynes hat sich vor allem durch Schriften zur Rolle des amerikanischen Verfassungsgerichtes und zu weiteren Themen des amerikanischen Regierungssystems im Schnittbereich zwischen Regierungslehre und Verfassungsrecht international einen Namen gemacht (z.B. zum War Powers Act). Seit dem Sommer 1973 hat er – mit gelegentlichen Unterbrechungen – regelmäßig an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel als Gastprofessor gewirkt. Weitere Gastprofessuren führten ihn nach Melbourne, Hiroshima, Marburg und Köln. In den Jahren 1998 und 1999 hat er die durch den Tod von Professor Dr. Werner Kaltefleiter vakant gewordene Professur am Institut für Politische Wissenschaft in Kiel vertreten und wurde 1998 zum Honorarprofessor der CAU ernannt. Er hat ab 2003 den Mittelpunkt seines akademischen Wirkens an das Institut für Politikwissenschaft (ab 2006: Institut für Sozialwissenschaften) in Kiel verlegt und Seminare und Kurse zum amerikanischen Regierungssystem angeboten. Er hat dazu beigetragen, dass eine ganze Generation von Studierenden ein differenziertes und vertieftes Bild des amerikanischen Verfassungsrechts und der Verfassungswirklichkeit erhielten. Edward Keynes hat an der CAU Dutzende von Dissertationen, von Magister-, Bachelor- und Masterarbeiten betreut (darunter auch eine Arbeit des heutigen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Daniel Günther). Für seine Verdienste um die Politikwissenschaft an der Universität Kiel wurde ihm 2010 vom Präsidium der CAU die „Goldene Ehrennadel“ der Christian-Albrechts-Universität verliehen. Er hat bis zu seinem Tod an der Kieler Universität gelehrt.

Ed Keynes Bild

 

Am 2. Juli 2020 jährt sich zum 5. Mal der Todestag von Professor Dr. Eberhard Schütt-Wetschky. Auch er war kein regulärer Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, sondern außerplanmäßig und auf eigene Kosten am Institut für Politikwissenschaft (bzw. für Sozialwissenschaften) tätig. Eberhard Schütt-Wetschky wurde 1937 in Hamburg geboren und legte sein Abitur 1956 am Christianeum in Hamburg ab. Er arbeitete zunächst einige Jahre im kaufmännischen Bereich und sollte eigentlich Verantwortung im Familienunternehmen Heinrich Schütt übernehmen. Seine Neigung galt jedoch der Wissenschaft und auch der Philosophie (er war ein Kenner und großer Bewunderer der Philosophie Immanuel Kants). Er studierte an den Universitäten Genf und Paris (Sorbonne), ab 1962 schließlich an der Universität Hamburg (zunächst Rechtswissenschaft, dann Politikwissenschaft mit den Nebenfächern Mittlere und Neuere Geschichte und Öffentliches Recht). Schütt-Wetschky wurde 1973 mit einer Untersuchung zum Thema Verhältniswahl/Mehrheitswahl promoviert. Von 1974 bis 1979 war er als Assistenzprofessor an der Universität der Bundeswehr Hamburg tätig. Seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einem Stipendium geförderte Habilitation für Politikwissenschaft erfolgte 1981. Im Jahr 1983 wurde er zum Privatdozenten an der Universität der Bundeswehr in Hamburg ernannt. Ab Oktober 2002 lehrte Schütt-Wetschky als außerplanmäßiger Professor Politikwissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Hier bot er vor allem Seminare zur vergleichenden Regierungslehre an und hat viele Masterarbeiten und Dissertationen betreut. Zur Unterstützung seiner Forschungs- und Publikationstätigkeit beschäftige er auch privat wissenschaftliche Mitarbeiter und ließ ihnen damit eine Förderung angedeihen.  

Sein Forschungsschwerpunkt lag auf dem parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland und der Entwicklung der Theorie der Demokratie in parlamentarischen Regierungssystemen. Er hat sich insbesondere mit der Bedeutung von Parteien und dem Konzept von Gewaltenteilung beschäftigt, was vor allem in seiner 1984 erschienenen Habilitationsschrift „Grundtypen parlamentarischer Demokratie“ zum Ausdruck kam. Gemeinsam mit Gesine Schwan und Werner Link initiierte Schütt-Wetschky 1990 das Jahrbuch für Politik und gab es geschäftsführend heraus (zwei Halbbände jährlich). 1996 wurde das Jahrbuch erweitert zur Zeitschrift für Politikwissenschaft (ZPol). Im Jahr 1996 rief Schütt-Wetschky zudem die Annotierte Bibliografie der Politikwissenschaft ins Leben, eine bibliografische Datenbank, mit der fortlaufend über alle politikwissenschaftlichen Neuerscheinungen des deutschsprachigen Raums informiert wurde. Er vertrat den Ansatz einer praxisorientierten Politikwissenschaft, die jedoch die Praxis nicht unkritisch zum Maßstab nimmt, sondern stets kritisch hinterfragt. Praktische Empfehlungen sah er als leitende Aufgabe der Politikwissenschaft an.

Professor Eberhard Schütt-Wetschky war Mitgesellschafter des Stahlhandelsunternehmens Heinrich Schütt in Hamburg. Er gründete 1992 die Stiftung Wissenschaft und Demokratie und vermachte ihr nach seinem Tod 2015 sein Vermögen. Ziel der Stiftung ist es, wissenschaftliche Vorhaben zu unterstützen, die geeignet sind, die freiheitliche Demokratie zu fördern, insbesondere Politikwissenschaft zu fördern oder zu betreiben. Die Stiftung hat ihren Sitz in Kiel und betreibt heute u. a. das Institut für Parlamentarismusforschung in Berlin, die Zeitschrift für strategische Analysen SIRIUS, das Portal für Politikwissenschaft und fördert das Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel.

Bild von Schütt-Wetschky