Zeitgenössisches Politisches Denken in Deutschland (DFG-Projekt)

Das politische Denken gehört zu den wesentlichen kulturellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen einer politischen Ordnung. Für die Frage der Konstituierung politischer Ordnung, ihres Bestehens und ggf. auch ihres Vergehens ist die Vitalität des politischen Denkens eine wichtige Bedingung. Das Forschungsprojekt will eine thematische Bestandsaufnahme und Kartographierung der relevanten und interessanten Beiträge des zeitgenössischen politischen Denkens in Deutschland leisten und diese Beiträge in Beziehung setzen zu der gängigen Unterscheidung politischer Ideen nach Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus bzw. sozialdemokratischem Denken und grünem politischem Denken. Trägt das zeitgenössische politische Denken zur Differenzierung, Modifizierung oder Weiterentwicklung dieser Ideenkreise bei? Lassen sich Ansätze zu neuen Konzeptionen der Politik erkennen, die jenseits der traditionellen Strömungen liegen? Unter politischem Denken werden hier reflektierte, analytische und theoretische Konsistenz beanspruchende Äußerungen zu Analyse, Kritik und normativen Orientierung politischer Rahmenbedingungen, Prozesse und Inhalte verstanden, die sich an eine interessierte politische Öffentlichkeit richten. Beiträge politischen Denkens bewegen sich zwischen politischen Theorien einerseits und bloß politisch-programmatischen Forderungen anderseits. In diesem Projekt sollen Beiträge politischen Denkens in Deutschland aus den letzten beiden Jahrzehnten untersucht werden. Das Jahr 1989/90 bietet sich als Zäsur an, da seitdem für die Politik gewichtige Herausforderungen manifest geworden sind, die insbesondere die Erosion des Nationalstaats im Prozess der Globalisierung, die Fragmentierung der Gesellschaft und die wachsende Spannung zwischen ökologischen Erfordernissen und ökonomischer Entwicklung betreffen. Untersuchenswert sind solche Beiträge, die als Bücher, Essays oder Aufsätze publiziert worden sind, die eine öffentliche Aufmerksamkeitsschwelle überschritten haben und die inhaltlich von Bedeutung sind, insofern sie entweder in besonderer Weise die bestehenden politischen Ideen weiter-entwickeln und an aktuelle Herausforderungen anpassen oder aber, über die traditionelle Verortung hinausweisend, eine neue Richtung erkennbar werden lassen. Das Spektrum solcher Beiträge – um nur wenige Beispiele zu nennen – reicht von Botho Strauss’ im SPIEGEL veröffentlichten Essay „Anschwellender Bocksgesang“ aus dem Jahr 1993 über Jürgen Habermas’ (2001 in Buchform veröffentlichten) Essay „Die Zukunft der menschlichen Natur“ bis zu dem Bestseller „Wohlstand ohne Wachstum“ von Tim Jackson im Jahr 2011. Der Bestand der Beiträge soll zunächst über eine umfassende mehrdimensionale Recherche nach den erwähnten Kriterien erfasst, auf die erörterten Themen hin sortiert und sodann auf die hier besonders interessierende Frage nach der Zukunft der politischen Ideen analysiert werden.

Dieses Projekt wird von der DFG mitfinanziert und läuft seit dem 1.4.2014. Weitere Informationen siehe http://www.politik.uni-kiel.de/de/professuren/PolTheo/politischesdenken.