Politik und Endlichkeit: (B) Endliche Welt und offene Zukunft. Die Verarbeitung von Endlichkeit im ökologischen politischen Denken

Wie wird im ökologischen politischen Denken die individuelle und kollektive Erfahrung von Endlichkeit im Sinne der Begrenztheit natürlicher Ressourcen aufgenommen und reflektiert? Erkenntnisleitende Prämisse für die hier geplante Analyse ausgewählter Texte modernen politischen Denkens ist die folgende: Die Säkularisierung als eines der prägenden Merkmale der Moderne ist für die Erfahrung von und den Umgang mit Endlichkeit von wesentlicher Bedeutung. Mit der Säkularisierung ist die heilsgeschichtliche Vorstellung einer Aussicht auf ein ewiges Leben nicht mehr allgemeingültig. Eine wesentliche Konsequenz der Säkularisierung ist die in der Neuzeit wirkmächtige Vorstellung von Fortschritt. Im Unterschied zur religiösen Fortschrittsidee wird unter den Bedingungen der Säkularisierung, wie Koselleck es ausgedrückt hat, „das stets zu erwartende Ende der Weltzeit in eine offene Zukunft verwandelt.“ Wie verändert sich nun diese die Moderne prägende Konstellation vor dem Hinter-grund der ökologischen Krise als Endlichkeitserfahrung? Die Erschöpfung der endlichen Ressourcen und die Übernutzung der natürlichen Ausgleichsmechanismen haben sich zu einer historisch einmaligen und neuen Situation verdichtet, da die Krisenfaktoren räumlich global ineinandergreifen und die Schädigungen von extremer zeitlicher Dauer sind. Eine Reaktion auf diese Krise ist darin zu sehen, dass die Wahrnehmung der offenen Zukunft und der Fortschrittsgebundenheit dieser Zukunft sich ändert: Wenn sich das Verhalten heute nicht radikal ändert, dann werden zukünftige Generationen es nicht mehr besser haben, sondern unter sehr anderen Bedingungen wirtschaften und leben und ein anderes materielles Wohlstandsniveau zur Verfügung haben. In der ersten Phase einer solchermaßen als existentiell wahrgenommenen Krise ist sogar die Möglichkeit des Überlebens zukünftiger Generationen in Frage gestellt worden, mithin die Menschheit als mit ihrer Endlichkeit konfrontiert gesehen. Als eine die unterschiedlichen Autoren dieser Denkrichtung vereinende normative Antwort auf diese Krisenwahrnehmung lässt sich in politischen und Gesellschaftstheorien die Forderung nach „Nachhaltigkeit“ finden: Individuen sollen sich so verhalten und gesellschaftlich-politisch so organisieren, dass ihr Leben mit der Permanenz der Bedingungen zukünftigen Lebens in Einklang gebracht wird – was einen verantwortlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen bedeutet, der eine Veränderung der jetzigen Lebensweise im Hinblick auf die Lebenschancen zukünftiger Generationen erfordert. Jenseits dieser Antwort fächert sich das Spektrum der empfohlenen politischen und auch kulturellen Strategien des Umgangs mit dieser Krise sehr weit auf, was es hier im Einzelnen zu untersuchen gilt.